„Dead Man Walking”: Gedanken zur Todesstrafe

In amerikanischen Gefängnissen ruft der Wärter “Dead Man Walking”, wenn er einen zum Tode Verurteilten auf seinem letzten Gang begleitet. Hin zu einem Raum, in dem er – früher auf dem elektrischen Stuhl, heute zumeist mittels letaler Injektion – hingerichtet werden wird. Helen Prejean, eine katholische Ordensschwester aus Louisiana, hat in den 80er-Jahren über ihre Arbeit als geistlicher Beistand dieser Todeskandidaten ein Buch geschrieben. Verfilmt von Tim Robbins, kam es 1995 in die Kinos. Und fünf Jahre später als Oper auf die Theaterbühnen. 

Am 15. Januar hat das Werk in Koblenz Premiere, inszenieren wird Intendant Markus Dietze. Vor einigen Wochen hat er Jake Heggie, den Komponisten der Oper, in Frankfurt getroffen. Der ihm erzählte, er wolle sein Werk ausdrücklich nicht als Polit-Oper verstanden wissen. Für ihn gehe es vorrangig um humanitäre Themen: Schuld und Sühne, Rache und Vergebung. Wobei natürlich seine Oper ohne die Debatte um die Todesstrafe gar nicht denkbar ist.

Die Frage nach ihrer Legitimation hat Markus Dietze bei der Vorbereitung seiner Inszenierung intensiv beschäftigt. Für uns hat er seine Gedanken dazu aufgeschrieben.

Gedanken zur Todesstrafe. Überlegungen zur Oper "Dead Man Walking"
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Unser Blog wird vielseitiger. Und journalistischer.

Block Autorinnen

Auf blog.theater-koblenz.de schreiben seit inzwischen sechs Jahren unterschiedliche Autorinnen und Autoren über die Erlebnisse an einem Theater, über Terminsachen und natürlich über Kunst und Kultur im Allgemeinen. Unsere Reihe „Vorgefühlt“, in der wir jede Premiere vorstellen, erscheint ab dieser Spielzeit in neuem inhaltlichen Gewand: Wir freuen uns sehr, dass wir drei Journalist*innen dafür gewinnen konnten, unseren Blog durch ihre Texte zu bereichern. Elisabeth Maier, Falk Schreiber und Margot Weber werden euch künftig ca. zwei Wochen vor jeder Premiere über wissenswerte Aspekte unserer Neuproduktionen informieren und das in abwechslungsreichen Formaten und dem ungetrübten und dennoch zugewandten Blick erfahrener Kulturbeobachter*innen. Wir hoffen, dass Ihr euch mit uns über dieses zusätzliche Lesevergnügen freut und empfehlen – als erste Texte der neuen Reihe – nicht nur das schon veröffentlichte Gespräch von Margot Weber zu „Chess“ sondern, soeben erschienen, ein Interview von Falk Schreiber mit John von Düffel zum Gastspiel „It can’t happen here“ des Deutschen Theaters.

(md)

“Die Musik hat im Theater die Chance, über sich selbst hinauszuwachsen”

Intendant Markus Dietze im Gespräch mit dem Komponisten Søren Nils Eichberg, dessen Science-Fiction Oper “Glare” am 11. März 2017 ihre Deutsche Erstaufführung am Theater Koblenz erlebte.

Søren Nils Eichberg und Markus Dietze
Søren Nils Eichberg und Markus Dietze (Foto: Matthias Baus)

Markus Dietze: Danke, dass du dich zwischen Generalprobe und Premiere von „Glare“ bereitgefunden hast, einige Fragen für unseren Theaterblog zu beantworten. Die grundlegendste Frage gleich zu Beginn: Was hat die Librettistin Hannah Dübgen und dich zum Thema von „Glare“ geführt?

Søren Nils Eichberg: Der künstliche Mensch, beziehungsweise „ein menschenähnliches Wesen aus Materie erschaffen“ ist ja ein Ewigkeitsthema, ob es religiöse Schöpfungsmythen sind, in denen eben Gott oder die Götter das Menschliche aus Materie schaffen, die Golem-Legende oder in Literatur und Oper Figuren wie Olympia in „Hoffmanns Erzählungen“. Allerdings leben wir heute ja in einer Zeit, in der uns Androide tatsächlich zu umgeben beginnen. Wir kommen nicht darum herum uns mit der Frage zu beschäftigen, was „künstlich“ und was „natürlich“ bedeutet in unserer heutigen und unserer zukünftigen Welt.

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Die 28 Jahreszeiten: Humor und verchromter Vivaldi

28-Jahreszeiten
Choreograf Steffen Fuchs bei einer Bühnenprobe von “Die 28 Jahreszeiten”. Foto: Matthias Baus

Markus Dietze: Als ich dir vorgeschlagen habe, als Ergänzung zu „The Four Seasons Recomposed“ Max Richters „24 Postcards“ zu wählen, warst du spontan begeistert. War dir damals schon klar, in welche Richtung sich diese Choreografie entwickeln würde?

Steffen Fuchs: Überhaupt nicht. Was mich interessiert hat, war die Tatsache, dass die beiden Stücke, obwohl vom gleichen Komponisten, musikalisch-konzeptionell so unterschiedliche Ansätze verfolgen. Mir war vor allem klar, dass ein ergänzender Teil zu „The Four Seasons Recomposed“ auch choreografisch ganz anders aussehen muss. Eine konkrete Zielvorstellung hatte ich aber zu Beginn meiner konzeptionellen Arbeit nicht. Ich bin von der Grundidee ausgegangen, die Straßenkarte, die ich tatsächlich auch zu hören meine, in mir zu suchen. Es gab natürlich einzelne Tracks, die mich extrem angesprochen haben, vor allem die, die mehr nach urbanem Geräusch als nach tatsächlicher Komposition klingen.

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Regie im Inneren der Musik

Regie "Fidelio"
Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

O time! thou must untangle this, not I;
It is too hard a knot for me to untie!

O Zeit! Das musst du selbst entwirrn, nicht ich,
Denn dieser Knoten ist zu schwer für mich.

William Shakespeare, „Was Ihr Wollt“ II/2

 

von Markus Dietze

Ludwig van Beethovens „Fidelio“ ist die Oper, die mich am längsten in der Art und Weise begleitet, wie manche Opern oder Stücktexte Regisseure begleiten: als nicht immer freundlicher und aufgeschlossener Weggefährte der Auseinandersetzung zwischen dem dramatischen Werk und dem, der es zu interpretieren versucht. Sperrig, ein Klotz am Beine desjenigen, der am liebsten leichtfüßig von interpretatorischer Ausdeutung zu psychologischer Figurenführung und wieder zurück spränge und sich dabei vom Werke tragen und leiten ließe.

Aber diesen Gefallen tut „Fidelio“ niemandem: nicht den Musikern, denn Beethovens oft symphonisch oder kammermusikalisch gedachte und komponiert Musik verzeiht keine theaterpraktische Nonchalance, nicht den Sängern, denn sie müssen das Werk tragen (dieses Werk trägt sie nämlich nicht ohne Weiteres), und natürlich auch nicht der Regie.

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Auf neuen Kommunikationswegen

Von Markus Dietze

Theater_Koblenz_reneguels
Theaterbesucher mit Handys und Kameras in den ersten Reihen: Twitterer Rene Güls (@reneguels) nahm dieses Foto während des Tweetups auf.

Theater ist als tief in unserer Gesellschaft und Kultur verwurzeltes Medium immer schon sozial. Wenn also von „Social Theatre“ die Rede ist, muss ich mir – ehrlich gesagt – immer ein wenig auf die Zunge beißen, damit nicht ein langer Grundsatzvortrag daraus wird.

Theater wirkt – und das tut es schon immer – durch seine Unmittelbarkeit. Twitter wirkt – und das ist als Vorteil dieses Mediums zu beschreiben und zu begreifen – durch seine Mittelbarkeit.

Und deshalb ist die „Twitterbühne“ für uns Theater eine schöne und sinnvolle Erweiterung dessen, was die Kunstform Theater schon immer ausmacht. Es sind die alten und neu erdichteten Geschichten von glücklichem Gelingen und tragischem Scheitern, die uns immer wieder unterhalten und berühren. Diese Geschichten erzählt Theater, und sie sind es seit über 2500 Jahren wert, weitererzählt zu werden. Auf allen Wegen der Kommunikation, die sich bieten. Also eben ganz natürlich auch auf Twitter.

Das Schönste an unserem Tweetup war für mich, dass „das Theater“ als Kunstform und Medium deshalb gar nichts anders machen musste als sonst.

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