Kollege
Nicht alle Kollegen sind immer nett. Dieser hier blinkt manchmal frech.

von Katharina Dielenhein

1. Das Du gewinnt

Am Anfang habe ich noch höflich alle Kollegen so lange gesiezt, bis sie mir ganz offiziell das Du angeboten haben. Schließlich bin ich so erzogen worden. Mittlerweile traue ich mich immer häufiger, auch Kollegen, die ich zum ersten Mal treffe, vorsichtig „Sagen wir du?“ zu fragen. Denn auch wenn in meinem Berufsleben das Du nicht immer verboten war, selbstverständlich war es auch nicht. Hier am Theater ist das ganz anders. Sich zu duzen, gehört zum guten Ton und unterstreicht, dass jeder, der hier angestellt ist, für das gleiche arbeitet: für das Theaterstück, das Musical oder den Ballettabend, eben die Inszenierung, die es am Abend zu sehen gibt. Bald bin ich wohl so weit, dass ich, wenn mich jemand duzt, einfach zurückduze, ohne die Ansprache überhaupt zum Thema zu machen – und das ist etwas, das ich mich bei anderen Arbeitgebern nicht trauen würde. Doch hier ist es fast selbstverständlich. Am Theater ist es eben alles ein bisschen familiärer.

2. Full House

Am Theater ist immer volles Hauses. Ständig laufe ich Menschen über den Weg, die ich noch nicht kenne. Oder von denen ich denke, dass ich sie noch nicht kenne. Oft sind es Kollegen, denen ich mich noch nicht vorstellen konnte, oft sind es aber auch Gäste: Solisten, die für eine Oper engagiert wurden oder frei arbeitende Regisseure, die für die Inszenierung eines Stückes nach Koblenz gekommen sind. Auch die Uhrzeit sagt am Theater nichts darüber aus, ob etwas los ist oder nicht. Komme ich früh ins Büro, herrscht in den Werkstätten Hochbetrieb, bleibe ich abends länger oder komme am Samstagvormittag, treffe ich Künstler auf ihrem Weg zur Probe. Und selbst nach Feierabend sitzen Kollegen manchmal noch in der Kantine zusammen.

3. Der R 06 vor meinem Fenster

Mein neuester Kollege ist gelb und piepst. Vorgestellt wurden wir uns nicht, er fuhr vergangene Woche einfach kommentarlos an meinem Fenster vorbei und blinkte zur Begrüßung. Oder vielleicht blinkte er auch einfach nur so. Wer weiß? Immer wieder passieren im Theater kuriose Dinge. Vor Kurzem ertönte etwa eine laute Kirchenglocke. Mehrere Minuten wunderte ich mich darüber, wo in der unmittelbaren Nähe des Theaters denn eine Kirche zu finden ist und kam zu dem Schluss, dass es keine gibt. Erst zwei Wochen später hörte ich den Gong wieder. In der „Faust“-Premiere. Und vergangene Woche fuhr eben ein Elektroschlepper piepsend an meinem Fenster vorbei. Den gibt es in der Wiederaufnahme der „Dreigroschenoper“ zu sehen. Was es nicht alles gibt.