von Juliane Wulfgramm

Gerade habe ich eine Werbung gesehen, eine von vielen, in denen mir intelligentes Telefonieren versprochen wird. Das ist ja eigentlich super! Entgegen besseres Wissen stelle ich mir folgendes Szenario darunter vor: Mein Telefon ist so intelligent, automatisch unerwünschte Anrufe abzuwimmeln. Es wählt dazu die angebrachten Texte eigenständig aus: Nein, ich möchte kein supergünstiges Tarifupgrade mit 100 Freiminuten zusätzlich, denn ich habe eine Flatrate. Nein, ich will kein Probeabonnement der Fachzeitschrift für Haustierliebhaber, ich bin allergisch. Nein, ich möchte auch die Apothekenumschau deswegen noch lange nicht regelmäßig im Briefkasten haben. Nein, ich will auf keinen Fall an einer Umfrage zum Thema „Wie viele Zacken hat der Leibnizkeks?“ teilnehmen und ich möchte auch nicht am Telefon mit wildfremden Menschen über meine private Altersvorsorge, mein Wählerverhalten oder meine Urlaubsziele reden. Einen Kredit brauche ich gerade wirklich nicht. Und eine Probefahrt mit der neuen A-Klasse auch nicht, ich habe doch den Kredit nicht genommen. Und danke, NEIN!!! Sie müssen alle nicht noch mal anrufen. DAS nenne ich ein intelligentes Telefon.

Darum will ich auf gar keinen Fall telefonisch ein neues Telefon bestellen, meines ist so schlau. Auch, so stelle ich es mir als intelligenten Helfer im Alltag vor, kann es mich an versprochene Anrufe erinnern. Es weckt mich, bevor ich weiß, dass ich überhaupt geweckt werden will. Es bestellt für mich im Restaurant, es betankt mein Auto, es verschickt eigenständig Geburtstags-SMS. DAS nenne ich erst recht intelligent. Ich habe mein Telefon, das natürlich iPhone oder Smartphone, heißt und das zweite, das iPad oder Tablet heißt, richtig gern, auch wenn es ein paar der oben genannten Funktionen vielleicht dann doch erst in der nächsten, noch intelligenteren Generation können wird. Aber ich kann warten aufs intelligente Telefonieren.

Na gut, gemeint ist ja eigentlich auch etwas anderes. So ein Smartphone ist ja immer mehr auf einmal: Telefon irgendwie schon noch, aber auch MP3-Player, Kamera, Fotoalbum, Navi, Terminkalender, Adressbuch, E-Mail-Programm, Taschenlampe, Wörterbuch, Internetzugang, Tageszeitung, Videos, Spiele, SMS, Facebook, Twitter, Bahntickets, Onlinebanking, Onlinetickets … das war schon blöd vorher, als ich riesige Taschen mit allem möglichen Equipment mitschleppen musste. Jetzt ist die Tasche leerer, aber habe ich mal das Telefon oder das Ladekabel zu Hause vergessen, fühle ich mich auch total aufgeschmissen und abgeschnitten. Isoliert. Irgendwie allein gelassen. Aber das ist nur sehr, sehr selten der Fall.

Sitze ich im Theater, begrüßt mich eine freundliche Stimme aus dem Lautsprecher herzlich und erinnert mich daran, mein Telefon auszuschalten. Richtig aus, nicht nur lautlos. Ich – und viele andere Zuschauer – kramen in der Tasche, es blinkt zigfach hellblau auf, und dann ist Ruhe und Dunkelheit und es ist wunderbar und ein paar Stunden später merke ich, dass ich ein paar Stunden lang nicht zum Telefon gegriffen, nach der Uhr, nach SMS, nach Anrufen in Abwesenheit geschaut habe, und DAS wiederum ist vielleicht nicht intelligent, aber total sexy.